Oehler-Eigenbau

Windischleuba (1953 bis etwa 1970)

An einem regnerischen Sonntagvormittag im November 2019, trafen wir uns mit Klaus Oehler in seinem Kleinod in Windischleuba, zu einem Zeitzeugengespräch. Er ist 80 Jahre jung und der Sohn des ehemaligen Schlossermeisters Rudolf Oehler. Die beiden haben in der DDR etwas vollbracht, was nur sehr wenige in ihrem Leben geschafft haben - ihr eigenes Traumauto gebaut. Von der Volkspolizei Altenburg wurde der "Oehler-Eigenbau", so nannten sie das Fahrzeug, am 18.05.1956 mit dem amtlichen Kennzeichen SB 22-67 zugelassen. Seine Spur verliert sich jedoch, als Vater Rudolf den Wagen um 1970 verkaufte.

Foto oben: Klaus Oehler mit seiner Frau und dem "Oehler-Eigenbau" in seiner ersten Variante mit der markanten Heckflosse. (Aufnahme entstand Ende der 1950er Jahre)

Beginnen wir jedoch von vorn, am 28.03.1912. An diesem Tag erblickte Rudolf Oehler in Oberzetzscha das Licht der Welt. In Gera erhielt er 30 Jahre später, am 10.09.1942, von der Handwerkskammer seinen Meisterbrief im Schlosser-Handwerk. Im Jahr 1945 eröffnet Rudolf seine Bauschlosserei in Windischleuba. Zu diesem Zeitpunkt war sein Sohn Klaus sechs Jahre alt. In den 1950er Jahren spezialisierte Rudolf sich mit seinem Betrieb auf den Karosseriebau und die Lackiererei. Klaus, der seine Lehre beim Vater absolvierte, arbeitete im Anschluss drei Jahre als Gesselle bei ihm. Danach wechselt Rudolfs Sohn als Kraftfahrer zur HASTAG (Halleschen Stahl-und Apparatebau-Gesellschaft KG, später VEB Transportanlagen- Montagen / kurz TAM).

Foto oben: Meisterbrief im Schlosser-Handwerk von Rudolf Oehler

Rudolf hat 1953 damit angefangen, sein eigenes Traumauto zu bauen. Tag für Tag stand er im eigenen Betrieb, meistens abends ab 18:00 Uhr, bis kurz vor Mitternacht. Kein Wochenende wurde von dem Tüftler ausgelassen.

Begonnen hat alles mit dem Kauf von zwei Achsen eines Kübelwagens der Wehrmacht, dem VW Typ 82. Dazu musste er sein DKW NZ 350 Gespann nach Knau bei Altenburg verkaufen. Der Seitenwagen enstand ebenfalls in Eigenleistung.

Foto oben: Klaus Oehler mit Vater's DKW NZ 350 Gespann. (Seitenwagen Eigenbau)

Glücklicherweise war das Getriebe an der alten, teilweise stark angerosteten Hinterachse verbaut. In Eigenregie wurde in der heimischen Werkstatt ein Mittelrohrrahmen, als Fahrgestell, gebaut. Die hinteren Torsionsfederstäbe wurden wiederum dazu gekauft. Allerdings mussten diese später, aufgrund des hohen Eigengewichts des Fahrzeuges, um 2 mm verstärkt werden.

Foto unten: Fahrgestell vom "Oehler-Eigenbau", mit der Vorderachse des VW Typ 82. (Später war die Rückseite des Foto's gleichzeitig die offizielle Zulassung des Fahrzeuges.)

In einer Motorsport-Zeitung stieß Rudolf auf die Anzeige "VW Motor ohne Aggregate zu verkaufen". Daraufhin meldete er sich schriftlich bei einem Herrn aus Wanzleben. Er bot ein Motorgehäuse aus Aluminium mit Kurbelwelle, Nockenwelle, Zylinder, Kolben, Ölpumpe, Zylinderköpfen und weiteren Kleinteilen zum Kauf an. Rudolf überlegte nicht lange und kaufte den Rumpfmotor. Ein paar Wochen später traf dieser "per Nachname" auf der Poststelle in Windischleuba ein. Die fehlende Kupplung konnte in Nobitz, der Vergaser wiederum in Dresden aufgetrieben werden. Vergaserleitung, Kühlgebläse, Keilriemenscheibe, Lüfterrad, Vergaserleitung sowie die Abgasanlage waren Eigenbau. Anfangs wurde eine 12 Volt Steyr Dynastart-Anlage verwendet. Das kompakte Bauteil war Lichtmaschine und Anlasser zugleich, was auch das hohe Eigengewicht erklärt. Diese Konstellation stellte sich später als nachteilig heraus. Infolgessen erfolgte ein Umbau auf 6 Volt, mit getrennten Generator sowie Starter.

Foto oben: Motor inkl. Aggregate und Dynastart-Anlage vor der heimischen Werstatt.

Inspiriert von Fahrzeugen seiner Zeit, dem Porsche 356 und Tatra 87, begann Rudolf und Sohn Klaus mit dem Bau der Karosserie - das war Mitte 1954. So entstanden zuerst die beiden Kotflügel, bevor das Heck mit der markanten Heckflosse sowie das Dach folgten. Anschließend kümmerte er sich um die Motorhaube und Heckklappe. Am 14.08.1955 brach Rudolf, noch ohne Türen und Kennzeichen, zur ersten Probefahrt auf. Er fuhr ein Stück auf der B7 in Richtung Frohburg und wieder zurück. Nach diesem kleinen, aber sehr wichtigen Erfolgserlebnis, ging es mit dem Bau der Türen weiter. Diese waren an der B-Säule angeschlagen. Sie besaßen beispielsweise Fensterheber eines IFA F8. Vom Nachfolger stammten wiederrum die Türklinken. Im Innenraum wurde ebenfalls viel von den beiden IFA Modellen übernommen. Von den zukünftigen Scheiben wurden Schablonen aus Pappe erstellt. Nach dieser Vorlage fertigte ein Glaser aus Kotteritz alle Scheiben aus Fensterglas. Klaus transportierte diese anschließend im Rucksack, mit dem Fahrrad, nach Windischleuba.

Foto's unten: Die Karosserie ensteht, Stück für Stück, in mühseliger Handarbeit.

Nach einer Probefahrt durch die Volkspolizei Altenburg, wurde der "Oehler-Eigenbau" am 18.05.1956 mit dem amtlichen Kennzeichen SB 22-67 zugelassen. Zu guter Letzt erhielt das Fahrzeug für kurze Zeit seinen ersten "Farbanstrich" in Hellblau.

Foto's unten: Rudolf und sein zugelassener "Oehler-Eigenbau" im Jahr 1956.

In den kommenden Jahren wurden stets Optimierungen und Instandsetzungen am Fahrzeug durchgeführt. So mussten sie unter anderem, aufgrund der geringen Bremsleistung, die mechanische Bremse (Seilzug) vom VW Typ 82 durch eine hydraulische vom Trabant P50 ersetzen. Der Motor brauchte nach einem Bruch der Kurbelwelle ebenfalls viel Zuneigung. Auch optisch hat sich in dieser Zeit etwas getan. Die Karosserie erhielt ein neues Farbkleid - Rot / Beige.

Foto oben: Die neue Zweifarbenlackierung steht dem Fahrzeug ausgezeichnet. (Aufnahme entstand Ende der 1950er Jahre vor der heimischen Werkstatt)

In der Mitte der 1960er Jahre erfolgte der letzte große Umbau, allerdings ohne Sohn Klaus. Er hatte zwischenzeitlich Arbeit als Kraftfahrer bei der HASTAG gefunden.  Die markante Heckflosse sorgte für eine eingeschränkte Sicht durch die Heckscheibe. Rudolf lies diese entfallen und verbaute stattdessen die Scheibe von einem  IFA F9. Zudem spendierte er der Heckklappe neue Luftgitter. Die Seitenlinie des Fahrzeuges erhielt neue Zierleisten. Abschließend wurde eine neue Zweifarbenlackierung in der eigenen Lackierei aufgetragen - diesmal in Blau / Beige. Der "Oehler-Eigenbau"  sorgte immer für Aufsehen. Mit ihm wurden Reisen in den Harz, Spreewald, der sächsischen Schweiz oder auch nach Berlin unternommen. Die Spur verliert sich, mit dem Verkauf des Fahrzeuges durch Vater Rudolf, um 1970.

Foto's unten: Der "Oehler-Eigenbau" mit neuem Heck, Zierleisten und Farbkleid.

Wer Informationen über den Verbleib des "Oehler-Eigenbaus", oder einfach Interesse an der Geschichte dieses Fahrzeuges hat, möchte sich bitte mit uns in Verbindung setzen.

Technische Daten:

Marke: Oehler-Eigenbau  
Baujahr: 1953 (fortlaufende Änderungen)
 
Fahrgestell: Mittelrohrrahmen  
Motor: 4 Zyl. Boxer, 1200 ccm, 25 PS luftgekühlt, Hinterradantrieb
Getriebe VW Typ 82  
Achsen: VW Typ 82 Hinterachse mit Untersetzung
Federung: Torsionsfederstäbe  

Bremsen:

VW Typ 82 / mechanisch später: hydraulisch Trabant P50

Felgen:

5,50 x 16"  
Karosserie: Blech  
Stoßstange vorn: IFA F8 später: Wartburg 311
Stoßstange hinten: EMW 328 Cabrio  
Türgriffe: IFA F9  
Scheinwerfer: IFA F9  
Rückleuchten: Wartburg 311  
Elektrik: 12 V
später: 6 V
Scheiben: Fensterglas  
Armaturenbrett: IFA F8
später: Wartburg 311
Lackierung: Rot/Beige später: Blau/Beige
Kraftstoff: Benzin  
Leergewicht: 1180 kg  
Geschwindigkeit: max. 85 km/h