Man versuche es mit
Fahrrädern der Marke
"Präcis"
und wird dabei gut fahren!
Präcis-Fahrradwerke
von H. A. Köhler's Söhne
Erstklassiges, selbstständiges Fabrikat!
Auf der ersten deutschen Fahrradmesse zu Leipzig 1898, präsentierte der Stand von H. A. Köhler's Söhne aus Altenburg acht Fahrräder und eine Anzahl Acetylenlaternen.² Altenburg gehörte zu jener Zeit dem Herzogtum Sachsen-Altenburg (kurz S./A.) an. Es war ein Herzogtum und Bundesstaat des Deutschen Kaiserreiches. Der letzte Regent dankte 1918 ab und der Freistaat Sachsen-Altenburg wurde gegründet. Kurz darauf, im Jahr 1920, ging dieser im neugebildeten Land Thüringen auf.
Doch zurück zur Firma H. A. Köhler's Söhne und deren kurzzeitigen Fahrradproduktion um 1900. In der Fachzeitschrift Rad-Markt von 1898 findet sich eine Anzeige wieder, welche erstmals namentlich auf die Präcis-Fahrradwerke verweist. Doch für wen oder was steht "H. A." und wer sind "Köhler's Söhne"? Wie kam es zur Fahrradproduktion und warum endete diese bereits nach nur wenigen Jahren?
Foto oben: Inserat - Rad-Markt 1898.
Werfen wir dazu einen Blick zurück ins Jahr 1802. Am 12. Januar eröffnete Gürtlermeister Michael Köhler in Unterpauritz bei Altenburg ein Gürtlergeschäft. Am 15.08.1834 ging der Betrieb an den 20 Jahre jungen Sohn Hermann Albert Köhler (kurz H. A. Köhler) über.³ Die Firma produzierte und vertrieb zunächst Beschläge für Pferdegeschirre und Wagen.⁴
Nebenbei sei bemerkt, Gürtler ist in Deutschland auch heute noch ein anerkannter Ausbildungsberuf, welcher Metalle zur Herstellung von Gebrauchs- sowie Schmuckgegenständen bearbeitet und verformt. Vor Michael waren alle Köhlers dieser Familie Bauern, also nicht von der Zunft. So war beipsielsweise sein Vater Jacob unter anderem Pächter des Wasserschlosses in Windischleuba.
Im Jahr 1868 übergab H. A. Köhler den Betrieb seinen beiden Söhnen Max und Hugo, die der Firma den Namen gaben -> H. A. Köhler's Söhne. Zwei Jahre später siedelte der Betrieb in die neuerbaute Fabrik Ecke Leipziger- und Wettinerstraße in Altenburg um. Dessen Verwaltungsgebäude ist heute der Hauptsitz der Sparkasse Altenburger Land.⁴
Foto oben: Kopf eines Geschäftsbriefes von 1929 (Fabrikansicht Ecke Wettiner- und Kanalstraße in Altenburg).
Foto oben: Ehemaliges Verwaltungsgebäude in der Wettiner Straße 1, heute Hauptsitz der Sparkasse Altenburger Land.⁵
Nach 1871 blühte die Firma zu einem Großunternehmen auf. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs, stand sie nun mit 540 Beschäftigten an der Spitze der Altenburger Metallwarenindustrie. Während dieser Glanzzeit starb am 11.03.1890 Hermann Albert Köhler.³
Das umfangreiche Produktionssortiment wurde 1897 um Fahrradlaternen für Öl, Petroleum und Acetylen sowie 1899 um Temperguss zur Herstellung von Zahnrädern erweitert.⁴
Foto oben: Inserat - Draisena, erstes und ältestes Sportblatt der radfahrenden Damen, Nr. 13 vom 10. Juli 1899.
Zeitgleich präsentierte 1898 der Stand von H. A. Köhler's Söhne acht Fahrräder und eine Anzahl Acetylenlaternen, auf der ersten deutschen Fahrradmesse zu Leipzig.² Darüber hinaus wirbt im selben Jahr ein Katalog für den neuen Fabrikations-Zweig:
"Unser [...] Fabrik-Etablissmenent für Metallwaren, Wagen- und Geschirr-Beschlägen, sowie Wagen-Laternen, welches Dank seines stetig wachsenden Renommées im In- und Auslande und der dadurch von Jahr zu Jahr sich erweiternden Absatzgebiete stets an Ausdehnung gewann, haben wir bei der Aehnlichkeit unserer bisherigen Erzeugnisse mit jener der Fahrrad- u. Fahrradlaternen-Fabrikation durch Einrichtung des letztgenannten Industrie-zweiges erweitert. [...] Weiter sagten wir uns, dass keinerlei Hinterniss bestehen könne und wir gerade so gut als jede andere Fabrik des In- und Auslandes in der Lage sind ein erstklassiges, allen Anforderungen vollkommen entsprechendes Fahrrad herzustellen, wenn nur die Hauptbedingungen: Vorzügliches Material, erprobte maschinelle Einrichtungen, tüchtige Arbeitskräfte und präcise Arbeit auf reeler Basis vorhanden sind. Ueber diese Hauptbedingungen verfügen wir und glauben daher nicht irre zu gehen, wenn wir vertrauensvoll annehmen, dass unsere Fahrräder, welche unter der Marke "Präcis" in die Welt hinauskommen, recht bald auf das vorteilhafteste bekannt und ebenso häufig verlangt werden. [...]
Wir wollen uns zunächst nur auf die in den nachstehenden Abbildungen vorgeführten wenigen Typen beschränken, damit wir um so vollkommener in der Erzeugung sein können und lassen unser Fabrikat hiermit den geehrten Fahrradhändlern, deren Unterstützung wir natürlich bedürfen, bestens empfohlen sein.[...] Ferner erlauben wir uns noch auf die in unserer Fabrik hergestellten Fahrrad-Laternen für Acetylen- (Laterne No. 11 "Polarstern"), Petroleum- oder Oel-Beleuchtung, die sich sehr rasch überall einführten, besonders aufmerksam zu machen, und verweisen in dieser Beziehung auf unseren Spezial-Catalog F. Ausserdem fabriziren wir vorzügliche Pedale, Naben (aus dem Vollen gedreht) und alle Rahmen-Verbindungstheile aus Ia. Stahlguss zu billigen Preisen, worüber wir auf Wunsch gleichfalls mit Spezial-Offerten dienen." ⁶
Fotos oben: Präcis-Fahrradwerke, Altenburg S./A. | Katalog Ende 1898
Im offiziellen Katalog der zweiten Leipziger Messe, welche vom 20. bis 25. Oktober 1899 in sämtlichen Räumen des Krystallpalastes stattfand, findet sich ferner die nachstehende Annonce wieder.⁷ Zu dieser Zeit ging es in Deutschland bereits drastisch bergab mit der verhältnismäßig jungen Fahrradindustrie.
Hintergrundwissen: Die allgemeine konjunkturelle Abschwächung und ein miserables Frühjahrswetter 1898 senkten den Konsum und verschärften die Absatzprobleme. Trotz hoher Lagerbestände durfte die Produktion nicht reduziert werden, da dies zu steigenden Stückkosten geführt hätte, die sich negativ auf Verkaufspreise und Gewinn ausgewirkt hätten. Der langjährige wirtschaftliche Erfolg führte zu Selbstzufriedenheit. Rücklagen für wirtschaftlich schwächere Zeiten zu bilden, wurde schlichtweg versäumt. Ein Teil der Fabriken ging Konkurs oder geriet in existenzielle Schwierigkeiten. Dividendenkürzungen und massive Kursverluste prägten das wirtschaftliche Umfeld. Die Lagerbestände insolventer oder aufgelöster Unternehmen wurden zu Schleuderpreisen veräußert, was den Markt zusätzlich verzerrte. Zu allem Überfluss wurde dies durch Billig-Importe vorwiegend aus den USA verstärkt. Eigene Überproduktion, niedrige Herstellungskosten infolge früher Automatisierung und konsequenter Standardisierung sowie begünstigende Zollbestimmungen führten dazu, dass Waren zu Ramschpreisen auf den deutschen Markt gelangten.⁸ Im Jahr 1898 wurden 456 Tonnen Fahrräder sowie -teile aus diesem Land eingeführt.⁹ Geht man davon aus, dass ausschließlich Fahrradteile importiert und zu Fahrrädern zusammengesetzt wurden, entspricht dies 45.600 Fahrrädern à 10 kg. Etwas weniger als die Jahresproduktion der deutschen Firma Dürkopp & Co., deren Marktanteil zu jener Zeit im einstelligen Bereich lag.
In den Unterlagen von H. A. Köhler’s Söhne findet sich ebenfalls ein Vermerk zu dieser Thematik, der jedoch undatiert und unvollständig ist: "Als dann aber die grossen Fahrradaktiengesellschaften entstanden, wurden die Fahrradpreise sehr gesenkt, was wir aber als kleiner Betrieb nicht mitmachen konnten, sodass diese Fabrikation.".³ Vermutlich schloss dieser Satz sinngemäß mit ‚eingestellt wurde‘...
Foto oben: Inserat aus dem offiziellen Katalog der zweiten Leipziger Fahrradmesse.⁷
Zur dritten und vermutlich letzten Fahrradmesse für die Präcis-Fahrradwerke, die vom 19. bis 23. Oktober 1900 in Leipzig veranstaltet wurde, stellten sie nunmehr zehn Räder und zugleich Laternen aus.¹⁰
Im selben Jahr starb Max' Bruder Hugo Köhler nach 32 Jahren gemeinsamer Geschäftsführung. An seine Stelle trat sein Schwiegersohn, der österreichische Hauptmann im Tiroler Kaiserjäger Regiment, Gottfried Vittorelli.⁴ Zu diesem Zeitpunkt war er bereits seit einem Jahr Mitinhaber der Firma. Darüber berichtete etwa die Rad-Markt-Ausgabe vom 19. August 1899: "In die Firma Präcis-Fahrradwerke, H. A. Köhler's Söhne, Altenburg, trat als Mitinhaber Herr Gottfried Vittorelli".¹¹ Ab 1901 wurden neue Industriezweige erschlossen. So fertigte das Unternehmen beispielsweise Autobeschläge für die Fahrzeugindustrie. Im Jahr 1905 verstirbt auch Max Köhler.
Foto oben: Annonce - Rad-Markt 1899. Die Abb. zeigt das "leichte Herren-Tourenrad".
Im Jahre 1908 übernahm man die elsässische Firma Omega, mit ihrem weitbekannten Firmenzeichen. Ein Jahr später folgten erstmalig elektische Geräte, welche zur Hauptproduktion des renommierten Betriebes wurden. Im Portfolio befanden sich Wasserkocher, Öfen, Teekessel und ein patentiertes Handbügeleisen. Das änderte sich jedoch mit dem Ersten Weltkrieg. Dieser brachte, auch für die Firma H. A. Köhler's Söhne, eine Umstellung auf Rüstungsgüter mit sich. Vorrangig wurden Zünder für Granaten und Bomben gefertigt. Daneben produzierte das Unternehmen Beschläge für Kriegsfahrzeuge sowie Teile für Flugzeuge und U-Boote.
Bereits 1918 war das Unternehmen in der Lage, einen neuen Maschinenpark mit neuester Technik zu errichten. Zwei Jahre darauf kam der erste elektrische Staubsauger "OMEGA" auf den Markt, dessen Produktion der Hauptzweig blieb. Daneben begann die Herstellung elektrischer Fahrrad- und Motorrad-Beleuchtung.⁴ Die Modernisierung setzte sich nicht nur technisch, sondern auch organisatorisch fort: Am 1. Januar 1929 wandelte Max’ Sohn Hans Richard Köhler die Metallwarenfabrik H. A. Köhlers Söhne in eine GmbH um.³
Obwohl in Altenburg schon lange keine Fahrräder mehr produziert wurden, erwies sich die Fabrikation von Fahrradlaternen als erfolgreich und bestand bis 1947 fort.³ An dieser Stelle endet nach fünfzig Jahren der im Jahr 1897 begründete "neue" Produktionszweig.⁴ Die bereits um 1900 wieder eingestellte, kurzlebige Fahrradmarke "Präcis" stellte ein frühes Kapitel dieser Entwicklung dar.
Im Leipziger Tageblatt und Anzeiger vom 31.05.1900 heißt es "Leipzig: [...] Abhanden gekommen ist am 29. April ein Präcis-Fahrrad, Fabrikat H. A. Köhler’s Söhne, Altenburg. Vermutlich ist das Rad in irgend einem Restaurant der inneren Stadt eingestellt worden." ¹²
Und wer weiß, vielleicht handelt es sich dabei um das nachfolgende Herrenrad...
Im Katalog von 1898 wurden die folgenden sechs Modelle angeboten. Im Einleitungstext wird dies wie folgt erläutert: "[...] Wir wollen uns zunächst nur auf die in den nachstehenden Abbildungen vorgeführten wenigen Typen beschränken, damit wir um so vollkommener in der Erzeugung sein können [...]." ⁶
Zur Orientierung: Im Jahr 1898 verdiente ein Arbeitnehmer im Deutschen Kaiserreich durchschnittlich 755 Reichsmark brutto im Jahr (rund 63 Reichsmark pro Monat). Ein Präcis-Fahrrad kostete damit mehrere Monatsgehälter – ein teures Luxusgut, das für den Durchschnittsbürger kaum erschwinglich war.
Fotos oben: Type No. 5 "Strassen-Rennmaschine" von 1898 | Präcis-Fahrradwerke⁶
Das nachstehende Herrenrad – mit dem auffällig großen Kettenblatt – ist im Katalog nicht verzeichnet. Daher handelt es sich wahrscheinlich um ein Modell aus den Jahren 1899–1901. Aufgrund von Bauform und Ausstattung entspricht es am ehesten dem Type No. 5 Strassen-Rennmaschine. Das Modell wurde im Katalog wie folgt beschrieben: "Dieses elegant gebaute Fahrrad von bedeutender Stabilität, verbindet mit hübschem Aussehen sehr leichten Lauf und ist sowohl zu Strassen-Rennzwecken, sowie auch als Tourenmaschine für leichtere Fahrer gleich gut verwendbar." ⁶
Foto oben: Straßen-Rennmaschine mit 62 cm Rahmenhöhe | Präcis-Fahrradwerke
Foto oben: Gelb emaillierte 28" Stahlfelgen mit neuen roten Barum Wulstreifen 28 x 1½. | Originale Continental- oder Excelsior-Pneumatics sowie Nagel's Halbrenn-Sattel sind gegenwärtig nicht vorhanden.
Foto oben: 26 cm großes Kettenblatt mit Schriftzug "PRAECIS WERKE" und 6 1/2" langen Kurbeln sowie Zacken-Pedale ohne Gummi- oder Filz-Einlage | Originalteile.
Foto oben: Nabe vorne, nicht gestempelt | vermutlich Originalteil (Eigenproduktion).
Fotos oben: Nabe hinten, Rotax Modell 1904, 1907 oder 1909 | vermutlich kein Auslieferzustand der Präcis-Fahrradwerke.
Foto oben: Lenker tief gebogen (40 cm breit), Gummi-Blockbremse sowie Lenker-klemmung mit Schriftzug "Präcis" | Originalteile, Kerzenlicht-Laterne zeitgenössisch.
Foto oben: Bronzeklingeldeckel mit Werbung für "Martin Müller - Altenburg S./A.".
Wer weiterführende Informationen über die „Präcis"-Fahrradwerke oder Interesse am vermutlich einzigen noch existierenden Fahrrad hat, kann sich gerne mit uns in Verbindung setzen.
¹ "Handbuch deutscher Fahrradmarken: 1817-1965", Hrsg. Frank Papperitz - Verlag "MAXIME", Seite 438
² "Radfahr-Chronik" vom 10. Dezember 1898, Seite 147
³ Sächsisches Staatsarchiv, 20845 Metallwarenfabrik H. A. Köhlers Söhne GmbH, Altenburg, Nr. 22
⁴ Antje Reißmann, zitiert nach URL http://www.archivportal-d.de/item/J7OIFDWU2IZWDIEJ6T5USDASYOTUZRDU
⁵ "Sparkasse Altenburg 2014", indeedous/Wikimedia Commons, 29.10.2023
⁶ "Präcis-Fahrradwerke Altenburg S./A.", Verlag Oscar Fürstenau, Leipzig, 1898
⁷ "Katalog Fahrradmesse Leipzig 1899", Hrsg. Willy Werner - Verlag des "Stahlrad", Seite 34
⁸ "Der Rad-Markt und das Motorfahrzeug" vom 14. März 1914, Seite 13
⁹ "Der Rad-Markt und das Motorfahrzeug" vom 20. Juli 1901, Seite 35
¹⁰ "Radfahr-Chronik" vom 27. Oktober 1900, Seite
69
¹¹ "Der Rad-Markt und das Motorfahrzeug" vom 19. August 1899, Seite 31
¹² "Leipziger Tageblatt und Anzeiger" vom 31. Mai 1900, Seite 5, https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/54EC77EYWS7G2KUA27JWVLQKHZP4XDIP?issuepage=5, 20.02.2024